UX-Design & Research | Interfacedesign | Prototyping
Freeyou AG x DEVK – Konzeption der digitalen Antragsstrecke für die neue Hausratversicherung
Wie überführt man einen maßgeblich analogen Prozess in eine digitale Experience, ohne Conversion einzubußen und gleichzeitig hohe regulatorische sowie datenschutztechnische Anforderungen zu erfüllen?
Projektübersicht
Im Auftrag der DEVK konzipierte die Freeyou AG eine End-to-End-digitale Antragsstrecke. Als Lead UX/UI Designer war ich verantwortlich für die gesamte Experience-Architektur, von der Anforderungsvalidierung über Wireframing bis zur finalen UI-Implementierung.
Das Team:
1 Product Owner, 4 Frontend-Entwickler (intern & extern), 1 Scrum Master, 1 UX/UI Designer.
Konstantes Stakeholder-Management zwischen DEVK-Versicherungsspezialisten, Compliance und Technology half bei der internen Abstimmung.
Herausforderungen
Die zentrale Herausforderung des Projektes lag in der Transformation eines klassischen, analogen Prozesses in eine intuitive digitale Anwendung – mit Fokus auf Nutzerzentrierung, Verständlichkeit und Vertrauen.
Zudem bestand die Notwendigkeit, die neue Strecke nahtlos in bestehende Backend-Systeme und das DEVK-Kundenportal zu integrieren. Für das UX-Team bedeutete das, die Schnittstellenlogik zu berücksichtigen, während gleichzeitig ein nahtloses Nutzererlebnis über alle Kanäle hinweg sichergestellt werden musste.
Zielsetzung
- Transparenz schaffen: Nutzer verstehen, warum jede Frage gestellt wird
- Conversion maximieren: Abbruchrate senkt, Abschlussquote erhöht
- DEVK-Brand konsistent: Moderne, vertrauenswürdige visuelle Sprache, nicht bürokratisch
- Alle notwendigen Daten erfassen, ohne den Nutzer zu überlasten
Research & Strategische Insights
Methoden
- Anforderungsworkshops mit DEVK-Versicherungsspezialisten (Risikomodell verstehen)
- Wettbewerbsanalyse: verschiedene digitale Versicherungsrechner evaluiert
- Usability-Tests mit Prototypen (3 Iterationen)
Zentrale Insights
- 71% der Nutzer wollen schnelle, aber sichere Prozesse – nicht schnell um jeden Preis
- "Warum"-Fragen wichtiger als "Was"-Fragen – Nutzer fürchten versteckte Kosten/Klauseln
- Kontextuelle Hilfe >> Allgemeine Help-Sektion – Nutzer lesen Inline-Erklärungen, nicht separat
- Mobile Nutzer brauchen andere Validierungslogik – nicht alle Fehler sofort zeigen, progressiv validieren
- 82% der Nutzer wollen Kontakt zum Menschen – ein Button "Mit Berater sprechen" scheint wichtig, auch wenn nicht genutzt
Designstrategie
Die Designstrategie basierte auf einem zentralen Prinzip: Complexity Hiding Through Progressive Information Architecture.
Statt alle Fragen auf einmal zu stellen (wie im analogen Prozess), wurde der Fluss in drei psychologisch sinnvolle Blöcke eingeteilt – jeder Block eine in sich geschlossene 'Mini-Journey'.
Kernlösungen im Designprozess
Modulare Streckenstruktur
- Modul 1: Ihr Zuhause
(Mietwohnung oder Haus? Lage, Größe, Baujahr, Ausstattung) - Modul 2: Ihr Schutz
(Welcher Schutz und welche Zusatzdeckungen wird gewünscht?) - Modul 3: Fertigstellen
(Persönliche Daten, Prämienübersicht, Bestätigung, nächste Schritte)
Visuelle Orientierung durch Progress Architecture
- Progress-Bar mit Prozentangabe (nicht nur Schritten)
- Schrittmarker zeigen aktuelle Position
- Descriptive Labels (nicht "Step 3", sondern "Ihr Zuhause – Schritt 1 von 3")
Kognitive Entlastung durch Progressive Disclosure
Progressive Disclosure reduziert mentale Last, während Inline-Validierung Frustrationen früh verhindert.
- Conditional Logic: Nur relevante Felder werden basierend auf Antworten gezeigt
- Micro-Copy: Jedes Feld hat eine kurze Erklärung, warum es gefragt wird
- Visuelle Strukturierung komplexer Inhalte
- Inline-Validierung: Fehler werden progressiv (nicht am Ende) gezeigt
Visuelle Vereinfachung & Zugänglichkeit
Versicherungs-Interfaces sehen oft kalt und bürokratisch aus, das schafft kein Vertrauen. Visuelle Klarheit schafft Vertrauen, das ist UX, nicht nur Design.
- Klare Typografie (große, kontraststarke Fonts für Mobile)
- Dezentes Farbkonzept (DEVK-Grün, aber modern interpretiert)
- Großzügiger Whitespace (nicht alles auf einmal)
- Große Touch-Targets (mindestens 48×48px für Mobile)
Interaktive Logiken & Inline-Feedback
Nutzer wissen nicht, ob ihre Eingaben akzeptiert wurden oder korrekt sind. Immediate Feedback reduziert Unsicherheit und Fehlereingaben.
- Smart Validierung: "€50.000 ist eine sehr hohe Fahrrad-Versicherung – willst du das wirklich?"
- Inline-Success: "✓ Angabe akzeptiert" sofort nach Eingabe
- Auto-Correction: z.B. "2024" statt "24" für Baujahr wird automatisch korrigiert
Markenadaption & Emotionale Tonalität
Versicherung ist ein Vertrauensprodukt – emotionale UX ist nicht Optional, das ist strategisch.
- Verwendung von DEVK-CI Elementen (Farben, Icons, Typografie)
- Microcopy mit Persönlichkeit: "Sieht gut aus!" statt "Eingabe akzeptiert"
- Konsistente Tonalität: Hilfreich, nicht aufdringlich
Outcomes
Innerhalb der ersten 3 Monate nach Go-Live erzielte die Antragsstrecke signifikante Ergebnisse:
- Die Conversion Rate lag bei mehr als 42%
- Die durchschnittliche Completion-Time betrug nur ungefähr 8-10 Minuten statt mehrerer Tage oder Wochen (analog)
- Mobile Nutzung machte 89% aus
- positive Resonanz von Stakeholdern und Kund:innen
- Grundlage für weitere Produktdigitalisierungen der DEVK
Learnings
Dieses Projekt hat mir gezeigt, wie strategisch Micro-Features sein können, wenn sie richtig positioniert sind.
- Versicherungs-UX ist Risiko-Kommunikation, nicht Feature-Design
Nutzer in Versicherungsprozessen wollen nicht überrascht werden. Sie fürchten versteckte Klauseln oder plötzlich hohe Prämien. Deshalb war Transparenz das stärkste Design-Principle – nicht Ästhetik, nicht Schnelligkeit. Jede Designentscheidung musste die Frage beantworten: "Versteht der Nutzer, warum das zählt?" Nicht: "Ist das Button schön?" Das hat mein fundamentales Verständnis von Financial Services UX verändert. - Progressive Information Architecture schlägt Minimalism
Es gab internen zunächst die Bestrebung, das Formular zu "minimalisieren" – weniger Fragen, schneller fertig. Aber die Research zeigte deutlich: Nutzer wollen nicht wenige Informationen, sondern relevante Informationen in der richtigen Sequenz. Der Schlüssel war Sequencing, nicht Reduktion. Richtig sequenziert, fühlt sich auch eine komplexe Formularstruktur einfach an. Falsch sequenziert, ist selbst ein 5-Fragen-Formular überwältigend. Das ist eine Erkenntnis, die ich in alle zukünftigen Projekte mitnehme: Structure > Reduction. - Mobile-First ändert die Datenarchitektur
89% mobile Nutzung bedeutete, dass wir rückwärts denken mussten: Nicht "wie machen wir Desktop für Mobile responsive", sondern "wie designen wir für Mobile und skalieren auf Desktop". - Stakeholder-Alignment ist selbst Design
Die wertvollste Arbeit war oft nicht Wireframes, sondern die "Conflict Maps" zwischen DEVK-Compliance, DEVK-Marketing, Freeyou-Technology und Nutzer-Anforderungen zu erstellen. - Versicherungen brauchen emotionale UX, nicht nur funktionale
Am Ende ist Versicherung ein Vertrauensprodukt. Das beste Antragserlebnis hilft nicht, wenn es sich kalt und bürokratisch anfühlt. Deshalb war Microcopy strategisch wichtig – nicht als Decoration, sondern als UX-Strategie. "Sieht gut aus!" statt "Eingabe akzeptiert" ist nicht Tonalität, das ist Psychologie. Nutzer fühlen sich verstanden statt abgearbeitet. Das hat mir gezeigt, dass die beste Versicherungs-UX nicht die mit den meisten Features ist, sondern die, die Vertrauen aufbaut.